
„1677“ ist das dunkelste Stück auf „SOAR“, dem zweiten gemeinsamen Album der walisischen Harfenistin Catrin Finch und des senegalesischen Kora-Spielers Seckou Keita. Der Titel verweist auf das Jahr, in dem Frankreich die Insel Gorée vor der Küste Senegals einnahm, die danach zu einem Zentrum des Sklavenhandels wurde.
Catrin Finch stammt aus Llanon in Ceredigion und war von 2000 bis 2004 offizielle Harfenistin des Prince of Wales. Seckou Keita, 1978 in Ziguinchor im Süden Senegals geboren, kommt mütterlicherseits aus der Griot-Familie Cissokho und lebt seit 1999 in England, bei Nottingham. Nach ihrem ersten Duo-Album „Clychau Dibon“ von 2013 erschien „SOAR“ am 27. April 2018 bei Bendigedig. „1677“ steht an fünfter Stelle der acht Stücke, dauert 6:03 Minuten und stammt aus Keitas Feder.
Der Titel ist eine Jahreszahl: 1677 nahm Vizeadmiral Jean II d'Estrées für Ludwig XIV. das niederländische Fort auf Gorée ein. Damit begann die französische Herrschaft in der Region, und im folgenden Jahrhundert wurde die Insel zu einem der berüchtigtsten Umschlagplätze des Sklavenhandels an der westafrikanischen Küste. Das Stück kreist um Kolonisierung und erzwungene Migration und erzählt, wie das Magazin Klof schreibt, eine Geschichte, die sich über mehr als hundert Jahre erstreckt.
Gespielt wird es von den beiden Saiteninstrumenten des Duos, Finch an der Harfe, Keita an der Kora. Keita selbst beschreibt „1677“ als bluesig und tanzbar, aber auch dunkel. Das Hin und Her zwischen Harfe und Kora soll an ein schaukelndes Boot erinnern und an Menschen, denen nur noch die Musik blieb, um sich auszudrücken. Klof hört einen tiefen, wiederkehrenden Refrain unter einer tänzelnden Harfenmelodie und nennt das Stück wechselhaft, nur der tiefe Puls im Bass bleibe stabil. Nach einem düsteren Beginn wendet sich die Musik in der zweiten Hälfte, so beschreibt es ArtsJournal, hin zu etwas, das nach Heilung durch das gemeinsame Spiel klingt.
„SOAR“ ist um den Fischadler gebaut, der zwischen Westafrika und Wales pendelt und nach Jahrhunderten wieder in Wales brütet; das Eröffnungsstück „Clarach“ ist nach einem dieser Vögel benannt. Inmitten dieser Reise-Erzählung ist „1677“ der Moment, in dem die Geschichte der erzwungenen Überfahrten zur Sprache kommt. Songlines nennt das Stück grüblerisch und atmosphärisch, inspiriert von den Erinnerungen an die französische Herrschaft in Afrika. Klof zählt es zusammen mit „Cofiwch Dryweryn“, Finchs Stück über ein für einen Stausee geflutetes walisisches Dorf, zu den zugespitztesten, vielleicht zornigsten Momenten des Albums. Das Album selbst führte im Juni 2018 die Transglobal World Music Charts an, wurde von Songlines als bestes Fusion-Album und im fRoots-Kritikerpoll als Album des Jahres ausgezeichnet; Afropop Worldwide nennt es ein herzzerreißend schönes Duett.
Eine Jahreszahl als Titel, ein schaukelndes Boot als Rhythmus: Harfe und Kora erinnern an Gorée.
„1677“ ist das Stück, in dem „SOAR“ seine Leichtigkeit ablegt: Keita verbindet Blues, Tanz und Dunkelheit zu einer Erinnerung an Gorée, und die Kritik hört darin die schärfsten Momente des Albums. Meine Empfehlung: in Ruhe und mit Kopfhörern hören, am besten im Fluss des Albums nach „Bach to Baïsso“, damit der Wechsel von der Leichtigkeit in die Schwere spürbar wird.