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Akusmi

Album: 
Fleeting Future

Mit „Fleeting Future“ eröffnete der Londoner Komponist Pascal Bideau alias Akusmi 2022 das Label Tonal Union: acht Instrumentalstücke zwischen Minimal Music, Cosmic Jazz und Fourth World, angestoßen von einer Reise nach Indonesien und dem Klang von Gamelan und Gongs. Die Kritik hörte darin vor allem Zuversicht und Bewegung.

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review

01 Kontext

Akusmi ist das Projekt von Pascal Bideau, einem in Frankreich geborenen, in London lebenden Komponisten, Multiinstrumentalisten und Produzenten. „Fleeting Future“ ist sein Debüt unter diesem Namen und zugleich die erste Veröffentlichung von Tonal Union, dem neuen Label des Art Directors Adam Heron (Katalognummer TU 001LP), erschienen am 24. Juni 2022. Bideau komponierte und nahm das Album zwischen 2017 und 2019 in seinem Studio im Norden Londons auf, weitere Parts entstanden in Berlin mit Florian Juncker an der Posaune, Ruth Velten am Saxofon und Daniel Brandt von Brandt Brauer Frick an Schlagzeug und elektronischer Perkussion. Das Cover gestaltete Heron mit einem Kunstwerk von Sigrid Calon. Später erschien ein Remix von „Longing for Tomorrow“ durch Brandt Brauer Frick.

02 Das Album

Den Anstoß gab laut Label eine Reise nach Indonesien und die dortige Gamelan- und Gongmusik: Viele Themen des Albums bauen auf der Slendro-Tonleiter auf. Dazu kommt Bideaus Faszination dafür, wie sich Dinge verändern, wenn man den Maßstab wechselt, vom ganz Kleinen ins ganz Große. Bideau selbst spielt Saxofon, Gitarre, Gongs, Klavier, Flöte, Perkussion und Synthesizer, wie a closer listen aufzählt, und holt sich für Bläser und Schlagzeug Gäste dazu. Neben Indonesien prägt ein Interesse an Japan die Platte, das Bideau nach Angaben von Norman Records vor allem über Videos erkundet hat.

Die Stücke folgen einem ähnlichen Bauprinzip. The Quietus beschreibt, wie sie aus schlichten Keimzellen, kurzen Phrasen und Rhythmen, entstehen und sich Schicht um Schicht mit ineinandergreifenden Instrumenten auffüllen; immer wieder räumt Bideau Platz frei, lässt ein einzelnes Horn führen und holt dann das ganze Ensemble zurück. a closer listen hört in jedem Stück ein zentrales Thema, das von Instrument zu Instrument wandert, und eine Musik, die ständig in Bewegung bleibt, wie der Soundtrack zu einer Reise. Den Klang beschreibt The Quietus als dicht und im Stil der Moderne der Fünfzigerjahre, eher bei Leonard Bernstein als auf Bali und so bildhaft, dass man an Filmvorspanne von Saul Bass denkt.

Thematisch kreist das Album um die Zukunft, ohne Worte, denn alle acht Stücke sind instrumental. Bideau stellt sie sich im Pressetext nicht als gerade Linie vor, sondern als verzweigtes Geflecht vieler möglicher Zukünfte, die einander gegenseitig aufheben. Gegenüber Twisted Soul Music sagte er, die Zukunft passe sich fortwährend an neue Ereignisse an.

Zu den einzelnen Stücken: Das Titelstück treibt laut Arcana mit kompakten Melodien auf Saxofon und Posaune nach vorn und erinnert an die kürzeren Werke von Michael Torke, The Quietus nennt es aufstrebend und bittersüß. „Sarinbuana“ setzt auf eine straffe Rhythmusgruppe und lange Saxofonbögen, „Divine Moments of Truth“ beginnt gitarrenbasiert und führt seinen Kontrapunkt in elektronische Texturen; a closer listen fühlt sich dabei an eine Zugfahrt erinnert und zieht den Vergleich zu Banco de Gaias „Last Train to Lhasa“. Im Zentrum steht „Neo Tokyo“, eine Anspielung auf Katsuhiro Otomos „Akira“, mit hektisch durcheinanderredenden Bläsern (The Quietus) und Stop-and-go-Phrasen, die Energie sammeln (Arcana). „Longing for Tomorrow“ rückt das Raue der Posaune nach vorn, „Cogito“ lebt von einem heiteren Saxofon-Riff, „Concrescence“ von Marimbas und Holzbläsern. Der Titel bedeutet ein Zusammenwachsen, und a closer listen hört genau das: Organisches und Elektronisches, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft fließen zusammen. Zum Schluss steht mit „Yurikamome“ ein imaginierter Besuch in Japan.

03 Einordnung

Als Debüt wurde „Fleeting Future“ einhellig freundlich aufgenommen. Bernie Brooks nennt das Album in The Quietus jubilierend, optimistisch und wirklich nach vorn gewandt; obwohl es sich bei älteren Stilen bediene, sei es nicht nostalgisch, und er habe so etwas noch nicht gehört. Richard Allen schreibt bei a closer listen, die Musik hebe die Stimmung und erinnere daran, dass die Zukunft noch nicht geschrieben sei. Ben Hogwood empfiehlt die Platte bei Arcana ohne Einschränkung, lobt eine Lebendigkeit, die in Instrumentalmusik selten sei, und hört in den jazzigen Momenten das Improvisationsvermögen der Mitspieler. Norman Records beschreibt geschäftigen modernen Jazz, verbunden mit Steve Reichs Minimal Music und der perkussiven Musik von Gruppen wie Rimarimba, Electronic Sound spricht von gamelangetränktem Maximalismus. Eine Gegenstimme betrifft eher das Etikett als die Musik: Arcana hält das Album trotz aller Nähe zur Minimal Music nicht für wirklich minimalistisch, dafür sei es zu farbig und zu reich an starken Motiven. Verrisse waren nicht zu finden.

Ein Album, das aus alten Zukunftsbildern eine neue Zuversicht baut.

04 Mein Eindruck

Mich reizt an „Fleeting Future“, wie Gamelan-Tonleiter, Berliner Bläser und Elektronik zu einer Musik zusammenfinden, die die Kritik durchweg als in Bewegung, farbig und zuversichtlich beschreibt, Minimal Music mit Wärme statt Strenge. Meine Empfehlung: am Stück hören, gern unterwegs oder an einem grauen Morgen, und wer erst einmal reinhören will, steigt mit „Neo Tokyo“ ein, dem Herzstück des Albums.